Eine Eintrittskarte als Postkarte aus dem Stadtarchiv gibt einen seltenen Einblick in die Fastnacht vor rund 120 Jahren. Die Karte stammt von der Ersten Hanauer Carneval Gesellschaft und kündigt die Große Damensitzung am 1. Januar 1904 an. Die Absenderinnen berichten, sie haben „heute Nacht Neujahr gefeiert“ und hätten ab 6.03 Uhr weiterhin ausgelassenen Spaß gehabt; die Grußadresse richtet sich an Verwandte in Dettelbach bei Würzburg.
Bild, Motto und Zweifel an der Inszenierung
Das Fundstück enthält neben dem Veranstaltungshinweis ein Gruppenfoto, auf dem der Vorstand mit Prinz Carneval und den Haus und Ordensministern zu sehen ist. Ob die Herrschaften den Verlauf der Sitzung genauso ernst verfolgten wie auf dem Foto, lässt sich nicht mehr feststellen. Der Pressebericht von damals vermutet, das Bild könnte bereits nach dem Katerfrühstück zur Saisoneröffnung am 11.11.1903 entstanden sein. Auf der Karte ist zudem ein Motto vermerkt: Kinder und Narren darüber ist Klarheit, sagen in Hanau immer die Wahrheit.
Zeitgenössischer Lokalbericht beschreibt Programm und Reaktionen
Der für die Vorstellung herangezogene Bericht im Hanauer Anzeiger vom 2. Januar 1904 schildert die Sitzung im Saal zum Deutschen Haus als prunkvoll und gut besucht. Prinz Carneval habe das Zepter geschwungen und die Darbietungen hätten Beifall gefunden. In der Eröffnungsszene trat eine Nummer mit dem Titel Der moderne Faust auf. Der 1. Vorsitzende der Gesellschaft, Zigarrenfabrikant Wilhelm Bein, begrüßte laut Bericht die Närrinnen und Narren, danach wechselten sich Beiträge und musikalische Schlager ab.
Besonderes Lob erhielt dem Bericht zufolge die Nummer Unsere Über Jugend, in der vier Kinder im Alter von 8 bis 10 Jahren ein ironisch gemeintes Überbrettl vorführten. Die Aufführung habe so großen Beifall ausgelöst, dass sie mehrfach wiederholt wurde. In der Lokalszene Hanovia traten laut Bericht die vermeintlich traditionellen Figuren der Brüder Grimm und der Graf Philipp Ludwig in ein geistreiches Gespräch, das den Darstellern Orden einbrachte. Das Programm endete mit Vorträgen einer Ulanenkapelle und dem anschließenden Tanz.
Herkunft der Gesellschaft und Druck des Dokuments
Die Erste Hanauer Carneval Gesellschaft entstand aus dem Hanauer Reitclub und wurde am 1. Januar 1893 gegründet, im selben Jahr wie der 1. Hanauer Fussball Cub FC 93. Die auf der Karte genannte Druckerei ist Lichtdruck C. F. Fay in Frankfurt am Main. Der Fotograf und Verleger Carl Friedrich Fay war später vor allem durch seine Reihe Bilder aus dem alten Frankfurt bekannt, die ab 1896 erschienen.
Kontext und Zugänglichkeit
Die Karte gehört zur Serie Objekt der Woche, die das Hanauer Stadtmuseum auf der Website museen-hanau.de präsentiert. Jeden Montag wird dort ein weiteres Objekt mit Text und Bild vorgestellt. Das Stück liefert nicht nur eine Alltagsspur aus der regionalen Fasnacht, sondern auch Hinweise auf die Vereinslandschaft und die lokale Presseberichterstattung am Beginn des 20. Jahrhunderts.
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